„Nicht jede Streitigkeit muss vor Gericht enden…“

Die Idee des Deutsch-Polnischen Mediationszentrums

Vor dem Hintergrund der neusten sehr vorteilhaften Gesetzesänderungen des Polnischen Justizministeriums, welche die Popularisierung der Mediation als eine alternative Methode der Konfliktbewältigung zu den zeit- und kostspieligen Gerichtsverfahren anstreben und ihr den Rang eines gerichtlichen Urteils gewähren, wurde Ende 2016 das Deutsch-Polnische Mediationszentrum am Deutsch-Polnischen Forschungsinstituts in Słubice gegründet.

Die geplante Tätigkeit des Zentrums umfasst vor allem die Durchführung und Unterstützung interdisziplinärer  Forschungsprojekte zur Anwendung der ARD-Methoden (eng. Alternative Dispute Resolution) bei der Lösung grenzüberschreitender Streitigkeiten mit besonderer Berücksichtigung der Mediation mit interkulturellem Charakter sowie die Intensivierung internationaler Zusammenarbeit und Belebung des wissenschaftlichen Diskurses zu den möglichen Anwendungsbereichen der  ARD-Methoden bei der Lösung bi-nationaler Konflikte. Das innovative Profil des Zentrums resultiert aus dem interdisziplinären Ansatz zur Erforschung  interkultureller Mediation, bei dem neben den wichtigsten Rechtsfragen auch kulturwissenschaftliche, linguistische, psychologische und ökonomische Aspekte berücksichtigt werden.

Die wichtigste Aufgabe des DPMZ besteht in der Etablierung eines Netzwerkes bestehend aus diversen akademische und nicht-akademische Einrichtungen, Organisationen und Institutionen, die sowohl die Zusammenarbeit im Bereich der wissenschaftlichen Analyse dieses Forschungsfeldes intensiviert sowie eine institutionalisierte Verbreitung von Informationen über die Einsatzmöglichkeiten der Mediation zur Lösung bi-nationaler Streitigkeiten unter besonderer Berücksichtigung interkultureller Aspekte ermöglicht. Im Rahmen der Aktivität des Zentrums wird eine Internetseite eingerichtet, die als eine Plattform für den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen den an der Mediation interessierten Subjekten dient. Diese Plattform soll zukünftig auch die Durchführung inländischer und grenzüberschreitender Mediationsverfahren über das Internet ermöglichen (eng. ODR - Online Dispute Resolution). Darüber hinaus ist auch die Einrichtung einer Informationsstelle für die an der bi-nationalen Mediation interessierten Personen.

Zu den wichtigsten Tätigkeitsfeldern des Zentrums zählen vor allem grenzüberschreitende Familienstreitigkeiten mit besonderer Berücksichtigung der Situationen, bei denen es zu einer Kindesentführung kommt. Diese Konflikte stellen eine besonders empfindliche Problematik im gesellschaftlichen Kontext dar, weil in einem familiären Konflikt am häufigsten eben das Kind zum Opfer wird. Im Zuge der Globalisierung und des Mobilitätsanstiegs haben familiäre Konflikte immer häufiger einen internationalen und interkulturellen Charakter. Die im Rahmen der voranschreitenden Europäisierungsprozesse stattgefundene Öffnung der Grenzen ermöglichte eine größere Migration unter den EU-Bürgern und trug somit zur erheblichen Intensivierung der bi-nationaler Beziehungen bei. Charakteristisch für derartige Paare ist nicht nur eine unterschiedliche Staatsbürgerschaft, sondern in zahlreichen Fällen auch der Bezug auf andere herkunftsbedingte Kulturnormen und Wertesysteme, was nicht selten die Grundlage für die Entstehung von Konflikten bildet und zusätzliche Schwierigkeiten bei seiner Lösung verursacht. Derartige Beziehungen sind keine Neuerscheinung, jedoch führt der Anstieg ihrer Anzahl zur zahlreichen Konflikten, weshalb die Findung effektiver Lösungsmöglichkeiten gegen den Zerfall bi-nationaler Familie notwendig wird. Aufgrund der vermehrten Streitigkeiten mit transnationalen Charakter sowie der enormen Komplexität der meist sehr zeitaufwendigen Gerichtsverfahren ist die Notwendigkeit, solche Situationen effektiv zu lösen, offenkundig geworden, insbesondere in Fellen bei denen die Konfliktparteien Kinder haben. Nicht selten kommt bei derartigen Familienstreitigkeiten zur Entführung des Kindes durch ein Elternteil. Zer Zerfall der Familie stellt für alle ihre Mitglieder eine traumatische Erfahrung. Wie sehr sie die psychische Entwicklung der Kinder beeinflusst, ist oft davon abhängig, auf welche Weise die Eltern mit dem bestehendem Konflikt zurechtkommen und wie schnell eine konstruktive Lösung herbeigeführt werden kann. Eine erfolgreiche Mediation gibt die Chance gemeinsame Lösungen zu finden, bei dnen vor allem das Wohl des Kindes berücksichtigt wird.

Ein anderer Bereich in dem Mediation eine Alternative für Gerichtsverfahren bilden kann, sind die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Die Streitigkeiten der an diesen Konflikten teilnehmenden Subjekten stellen ein immanentes Merkmal der Wirtschaftsaktivitäten dar. Eine für weitere Zusammenarbeit zwischen den zerstrittenen Unternehmern entscheidende Bedeutung hat die Möglichkeit, das entstandene Konflikt schnell abzuwenden. Die Art und Weise, wie das Konflikt gelöst wird, ist für die daraus resultierende Konsequenzen äußerst wichtig, da sich die mit der Konfliktlösung verbundene Kosten eine ernsthafte Last für Unternehmer erweisen können. Sie umfassen nicht nur die Kosten der Gerichtsverfahren und der damit verbundenen Rechtstätigkeiten sondern verursachen auch oft höhere Einbüßen, die mit dem Verlust des guten Rufes der Firma, mit Vertrauensverlust seitens der Kunden sowie mit der verlorenen Zeit in Erwartung der gerichtlichen Entscheidung verbunden sind. Die langwierigen Gerichtsverfahren können darüber hinaus die Destabilisierung der finanziellen Lage der Firma nach sich ziehen. Aus diesem Grund wird die komplexe Analyse der Anwendungsmöglichkeiten von Mediation bei der Lösung internationaler Streitigkeiten  im Wirtschaftsbereich zu einer der Hauptanliegen des Zentrums.

Dank der Entstehung des Zentrums kann zukünftig der Kontakt zu den Mediationszentren in Deutschland und in den anderen EU-Ländern aufgenommen werden. Es wird dadurch auch möglich, interdisziplinäre Forschungen zu führen, die sich auf verschiedene Aspekte der grenzüberschreitenden Mediation beziehen und dabei die Spezifik internationaler Konflikte im europäischen Kontext berücksichtigen sowie die erarbeiteten Forschungsergebnisse mit anderen Forschungszentren auszutauschen.